Klinik

Albtraum am Sonntagnachmittag

Als ich das Zimmer betrat, sah ich den Patienten über einer riesigen Blutlache sitzen. Der Sohn schrie, die Mutter kramte vergebens wie verrückt in ihrer Handtasche nach Taschentüchern. Aus Herrn Simants Mund spie immer weiter schwallartig Blut auf den Boden. Ich schlug meine Hand auf die Notfallschelle und stürmte auf ihn zu…

 

An diesem Sonntagmorgen hatte ich mir fest vorgenommen den anstehenden Spätdienst auf der onkologischen Station ruhiger angehen zu lassen als vorangegangene Woche. Sonntag heißt häufig Kuchen-/Essensrunde und endlich mal Zeit für das ein oder andere Gespräch mit den Patienten. Das Chemoprogramm hatten die Kollegen bereits am Morgen fast abgeschlossen, so dass nur noch einige Kochsalz-Infusionen appliziert werden mussten. Sonntags konnten sich sogar zeitweise die Familien und Angehörigen ovitivieren und besuchten ihren schwer krebskranken Großelternteil im Krankenhaus zur Gewissensberuhigung. Die Stimmung war also in manchen Zimmern ausgelassen, in manchen düster. Zwischendurch klingelte eine Schelle aufgrund von leergelaufenen Infusionen, von denen die Patienten möglichst schnell befreit werden wollten, um mit ihren Liebsten einen Kaffee trinken zu gehen.

Doch während ich plaudernd eine Infusion in Zimmer 3.005 abstöpselte, hörte ich Rufe auf dem Stationsflur in meinem Bereich. „Hallo“, „Wir brauchen Hilfe! Hallo?“ Der häufigste Grund warum Angehörige oder Patienten in der Onkologie nach Hilfe rufen ist, weil die Patienten Schmerzen aufgrund übermotivierter Bewegung mit ihren Liebsten nach Tagen im Bett verspüren oder nach den mitgebrachten oft fettigen Leckereien heftig erbrechen müssen. Also wird der aufkommenden Panik der Angehörigen meist ein starkes Schmerzmittel oder eine Infusion mit einem Zusatz gegen Übelkeit entgegengesetzt.

Mich bei dem Patienten entschuldigend, trat ich also mit einem Bein auf den Stationsflur hinaus, als mir bereits eine circa 60 jährige stabilere kleine Dame mit mittellangen blonden Haaren entgegengesprungen kam. „Mein Mann erbricht! Es geht ihm gar nicht gut! Kommen Sie! Kommen Sie!“ schreit die Frau und rennt Richtung Zimmer 3.001. Daher, dass ich den Bereich der Station bereits seit sieben Tage betreue, weiß ich, dass in diesem Zimmer ein älterer Herr liegt. Circa 65 Jahre alt, kurzes weißes Haar mit akkuratem Schnäuzer. Seine Statur ist athletisch bis dünn, er trägt vornehm auch im Krankenhaus immer ein Hemden oder weiße, stets gebügelte T-Shirts. Seine Stimme war zeitweise aufgrund seines HNO-Tumors verzerrt und klang nasal. Sein Hals war durch den Tumor stark verdickt und knotig hart. Sonst war Herr Simant körperlich fit und sollte bei uns nur eine spezielle Chemotherapie erhalten.

Als ich das Zimmer betrat, sah ich den Patienten über einer riesigen Blutlache sitzen. Der Sohn schrie, die Mutter kramte wie verrückt in ihrer Handtasche nach Taschentüchern. Aus Herrn Simants Mund spie immer wieder schwallartig Blut auf den Boden. Ich schlug meine Hand auf die Notfalllschelle und stürmte auf ihn zu…

Herr Simant starrte mich mit großen, von Panik erfüllten Augen an. Seine Haut war aufgrund der fehlenden Sauerstoffversorgung bereits blass. Während der Sohn mich anschrie und panisch bekräftigte er sei im Rettungsdienst tätig, wurde mir klar, dass Herr Simant in Sekunden reanimationspflichtig werden würde. Nach Luft lechzend musste er bereits literweise eigenes Blut eingeatmet haben, in der verzweifelten Hoffnung ein paar wenige Sauerstoffmoleküle zu erhaschen. Das Blut hatte seine Lunge mehr und mehr gefüllt, so dass Herr Simanth immer weiter erstickte und mehr Blut einatmete. Ich verwies die Angehörigen des Raumes und bat auch den Sohn, nachdem ich ihn anwies Herrn Simanth loszulassen und in das Bett zu legen, des Raumes. In diesem Moment schwand die Panik aus den Augen des Patienten und eine weite, graue Leere trat in seinen Blick. Ich versuchte einen Puls in der Leiste zu fühlen, da der Hals hart wie Stahl war. Als ich keine Vitalzeichen mehr erkennen konnte, begann Herrn Simanth zu reanimieren, während ich mich halb in die Blutlache unter dem Patienten hockte. Von Adrenalin überschüttet folgte ich den so oft eingetrichterten Algorithmen aus dem Rettungsdienst. Inzwischen war eine Kollegin herbeigeeilt und versuchte den Patienten mit einer Maske zu bebeuteln (Beatmung ohne Tubus in der Luftröhre, nur mit einer vor den Mund gepressten Maske). Aber Herr Simanths Lunge schien bereits vor Blut überzulaufen, so dass kein Milliter lebensnotwendige Luft in seine Lunge vordringen konnte.

Wenig später traf das Reanimationsteam einer unserer Intensivstationen ein. Zusammen mit dem diensthabenden Arzt versuchten wir den Patienten zu intubieren, aber der riesige Tumor des Halses machte jede normale Intubation unmöglich. Mutig und verzweifelt beschlossen wir die Luftröhre unterhalb des Tumors  zu eröffnen. Inzwischen waren wir zu sechst mit Oberärzten aus Anästhesie und jeder der Anwesenden versuchte uns zu unterstützen. Da in der Onkologie Notfälle dieser Art sehr selten sind, war das Material zum klassischen Luftröhrenschnitt nicht verfügbar. Zwar hätten wir jemanden losschicken können, um das Set von einer der Intensivstationen zu beschaffen, aber die Zeit rann uns durch die Finger, während wir den Patienten abwechselnd mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln reanimierten. So beschlossen wir mit einfachsten Mitteln die Luftröhre aufzustechen und Herrn Simanth durch das Einstichloch zu intubieren. Als dies schließlich gelang konnten wir einen Teil des Blutes aus der Lunge absaugen und Herrn Simanth stabilisieren.

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Später begleitete Ich, nachdem ich meine blutige Kleidung gewechselt hatte, die Familie auf eine der Intensivstationen. Vor allen Dingen das Bild der völlig aufgelöste Tochter im schicken Kleid für die Taufe ihres Kindes, der sichtlich überforderte Kollege und hysterische Sohn und die tiefgründig erschütterte Ehefrau sind mir im Gedächtnis geblieben. Sie haben meine volle Anteilnahme. Es ist schrecklicher als grausam, Jemanden, den man sehr liebt, auf diese Art gehen sehen zu müssen.

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Ein Kommentar zu “Albtraum am Sonntagnachmittag

  1. Jippi, endlich nochmal was zu lesen!
    Sehr, sehr spannend was du immer schreibst.
    Einige Zeit dachte ich, dass Medizin der richtige Weg für mich sei. Jedoch hat sich alles noch 3x gewendet 😀
    Ich bewundere jeden der so schnell, in ‚krassen‘ Situationen reagieren & auch damit umgehen kann.
    Hut ab Patenkind no. 1. ! 🙂

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